Dietrich Bonhoeffer

4. Februar 1906 - 9. April 1945


Dietrich Bonhoeffer wächst in einem großen Geschwisterkreis auf. Vier Jungs und vier Mädchen erfüllen mit ihrem fröhlichen Lärmen das Haus. Mit allem Geschwistern fühlt sich Dietrich zeitlebens innig verbunden. Seinen älteren Brüdern gegenüber hält er sich allerdings in der Äußerung von Gefühlsdingen eher zurück. Das zeigt die Diskrepanz zwischen Briefen an seine Brüder und den Tagebuchaufzeichnungen.

(Bilder: Bilder aus seinem Leben, S. 28 und 32)

Renate Bethge, die Nichte Bonhoeffers und Ehefrau seines Freundes Eberhard Bethge erzählt:

Die Mutter, Paula Bonhoeffer, geb. von Hase, war eine überzeugte Christin aufgewachsen als Tochter und Enkelin von Theologen, lebhaft, kontaktfreudig und fantasievoll. Über kleine Streiche ihrer Kinder konnte sie hinwegsehen, aber Rücksichtslosigkeit und Lieblosigkeit gegenüber andern duldete sie nicht. Paula Bonhoeffer hatte das ‚Lehrerinnenexamen für höhere Mädchenschulen‘ gemacht, was damals sehr ungewöhnlich war. Mädchen studierten nicht und sie hatte wegen ihres Wunsches manche Auseinandersetzungen mit ihren Eltern. Bonhoeffers Mutter unterrichtete in den ersten Jahren ihre Kinder selbst, jeweils mit ein paar gleichaltrigen Freunden. Als ihr das bei acht Kinder zu viel wurde und sie eine Hauslehrerin zu Hilfe nehmen musste, behielt sie sich doch den Religionsunterricht selber vor.

Der Vater war zurückhaltend im Auftreten und sehr kritisch gegenüber jeder Art von Überheblichkeit. Einfachheit und Klarheit waren ihm oberstes Gebot.

Dietrich Bonhoeffer hat später betont, welch positive Wirkungen diese Eigenschaften der Eltern auf seine Erziehung und seinen Lebensweg hatten.“ (Renate Bethge: Dietrich Bonhoeffer. Eine Skizze seines Lebens, S.4-6; im Folgenden: Skizze)

An seine Eltern schreibt Bonhoeffer am 28.12.1944:

„Liebe Mama, Du musst wissen, dass ich jeden Tag unzählige Male an Dich und Papa denke und dass ich Gott danke, dass Ihr da seid für mich und für die ganze Familie. Ich weiß, dass es für Dich ein eigenes Leben nicht gegeben hat. Daher kommt es, dass ich alles, was ich erlebe, auch nur mit Euch zusammen erleben kann.“

(Dietrich Bonhoeffer. Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, S. 435; im Folgenden: WE)

Am 4. Februar 1906 wurden im Haus am Birkenwäldchen 7 in Breslau dem Ehepaar Paula und Karl Bonhoeffer das sechste und siebte Kind geboren, die Zwillinge Dietrich und Sabine.

(Bild: Eberhard Bethge/Renate Bethge/Christian Gremmels, Dietrich Bonhoeffer. Bilder aus seinem Leben, S. 29; im Folgenden: Bilder aus seinem Leben)

Am 24. Juni 1922 wird der deutsche Außenminister Walther Rathenau von rechtsradikalen Freischärlern ermordet. Bonhoeffer hat in seinem Klassenzimmer die tödlichen Schüsse von der Königsallee in die Unterrichtsstunde herüberhallen gehört.

Die Nichte Walter Rathenaus, Ursula Andreae, ist Dietrichs Klassenkameradin (vierte von links auf dem Bild).

(Bilder aus seinem Leben, S. 44)

Der Entschluss Theologie zu studieren, vertieft sich nach Walters Tod. Der Musik versucht er dennoch treu zu bleiben.

Bonhoeffer interessiert sich für Theologie als Wissenschaft. Die Kirche entdeckt er es später für sich. In „Was soll der Student der Theologie heute tun?“ sagt er 1933:

„Der junge Theologe soll sich mit seiner Theologie im Dienste der wahren Kirche wissen, die ihren Herrn unbeirrt bekennt und in dieser Verantwortung lebt.“ Er hält (noch) nichts davon, dass sich der Theologe als Weltmann aufspielt und sich der Weltlichkeit zuneigt: „Übrigens könnte ihm die Weltlichkeit, mit der er sich gerne aufspielt, wahrhaftig noch böse Streiche spielen, und es ist wirklich nicht einzusehen, wieso die ungebrochene Weltlichkeit geradezu das entscheidende Kriterium für einen gute Theologen sein sollte. Er soll sich durch sein Studium bereit machen, die Geister in der Kirche Christi zu prüfen.“

 

(Bilder aus seinem Leben, S. 48f)

„Nach Abschluss seines Studiums ging Dietrich für ein Jahr als Vikar in die deutsche Gemeinde nach Barcelona …

Natürlich fasziniert den jungen Vikar auch das Land. Er besuchte Cordoba, Sevilla, Granada und Madrid, konnte sogar nach Zureden seines Bruders Klaus, der Spanien schon kannte, dem Stierkampf etwas abgewinnen.

Seinem Schwager Rüdiger Schleicher schickte Dietrich eine ‚Mit Matadorengruß‘ unterzeichnete Postkarte, auf der er durch witzige Fotomontage als großer Stierkämpfer zu sehen ist.

(Skizze, S. 16f)

(Bild: Bilder aus seinem Leben, S. 66)

Renate Bethge:

Weil er noch keine 35 Jahre alt war, um ordiniert zu werden und selbstständig eine Pfarrstelle zu übernehmen „belegte er ein Studienjahr in New York am Union Theological Seminary. Hier schloss er Freundschaften und machte wichtige Erfahrungen in der theologischen und kirchlichen Arbeit…“

(Skizze, S. 20)

 

Karl Martin schreibt über diese Zeit: „Bonhoeffer lernte, ‚was der deutschen Theologie an Wirklichkeit fehlte und welche echten theologischen Fragen hinter den ethischen und gesellschaftspolitischen Herausforderungen der Kirchen standen.‘“

 

(DPFB; 5/2005, S. 248)

 

(Bild: Spuren, S. 25)

Noch kann sich Bonhoeffer vorstellen, in ‚dieser‘ Kirche als Pfarrer zu arbeiten. Aber er sieht auch deutlich die heraufziehende Gefahr.

Am 6. November 1932 predigt er im Universitätsgottesdienst über Offenbarung 2: 4.5.7 - in Gegenwart von Reichspräsident von Hindenburg:

„Daß wir in der zwölften Stunde der Lebenszeit unserer evangelischen Kirche stehen, daß uns nicht mehr viel Zeit bleibt, bis es sich entscheidet, ob es aus ist mit ihr oder ob ein neuer Tag beginnt – das sollte uns allmählich klar geworden sein…

 

Nein, wir haben keine Zeit mehr zu solchen Kirchenfesten, in denen wir uns vor uns selbst darstellen, wir wollen nicht mehr Reformation feiern! Laßt dem toten Luther endlich seine Ruhe und hört das Evangelium, lest seine Bibel, hört das Wort Gottes selbst. Gott wird uns am Jüngsten Tage gewiß nicht fragen: Habt ihr repräsentative Reformationsfeste gefeiert?, sondern: Habt ihr mein Wort gehört und bewahrt? Lassen wir es uns darum sagen: Aber ich habe wider dich, daß du die erste Liebe lässest…“

 

(DBW, Band 4, S. 95f)

Renate Bethge:

„1933, mit dem Jahr der Machtergreifung Adolf Hitlers, gab es einschneidende Veränderungen in Bonhoeffers Leben. Er stand sofort in der kirchlichen Opposition. Schon in den ersten Tagen nach dem 31. Januar 1933 wurde ein Radiovortrag ausgeblendet, in dem Bonhoeffer davon sprach, dass ein Führer, der sich zum Idol seiner Anhänger mache, zum Verführer werde.

 

Bei seinem Vortrag ‚Die Kirche vor der Judenfrage‘ drei Monate später verließen einige Hörer verärgert den Saal. Bonhoeffer hatte auf die Pflicht der Kirche hingewiesen, ‚den Staat immer wieder danach zu fragen, ob sein Handeln verantwortet werden könne, d.h. das Handeln, in dem Recht und Ordnung, nicht Rechtlosigkeit und Unordnung geschaffen werden.‘“

 

(Skizze, S.24)

(Bilder: Spuren, S. 34)

Im Flugblatt „Der Arierparagraph und die Kirche“ formuliert Bonhoeffer im August 1933 die Konsequenzen: „Der Ausschluß der Juden-Christen aus der kirchlichen Gemeinschaft zerstört die Substanz der Kirche.“ Der status confessiones ist für ihn erreicht, d.h. hier geht es ihm um die unaufgebbaren Grundlagen des christlichen Bekenntnisses.

Am 5. September 1933 steht der „kirchliche Arierparagraph“ im „Bischofsgesetz “ und im „Kirchengesetz betreffend der Rechtverhältnisse der Geistlichen und Kirchenbeamten“ auf der Tagesordnung. Bevor es zur Abstimmung kommt, verläßt unter Anführung von Martin Niemöller die kirchliche Opposition unter Protest den Saal.

Die Gründung des Pfarrernotbundes geht auf einen Aufruf von Martin Niemöller und Dietrich Bonhoeffer zurück, den sie aus Solidarität mit den ‚nichtarischen‘ Amtsbrüder verstanden wissen wollen.

Den Gedanken an den status confessiones greift Bonhoeffer im Juni 1936 in seinem Aufsatz über die Kirchengemeinschaft noch einmal auf. Unmissverständlich schreibt er da: „Wer sich von der Bekennenden Kirche trennt, trennt sich vom Heil.“ Das bringt ihm Zustimmung wie auch viel beißende Kritik ein. Und schließlich das Lehrverbot für die Universität im August 1936. (Vgl. Eberhard Bethge. Dietrich Bonhoeffer. Theologe. Christ. Zeitgenosse, S. 587ff; im Folgenden: Biographie)

 

(Bilder aus seinem Leben, S. 110f)

 Eigentlich wollte Bonhoeffer nach Indien, um von Mahatma Gandhi etwas von seinem gewaltlosen Widerstand für seine Situation in Deutschland zu lernen. Seine Pläne wurden vom Ruf der Bekennenden Kirche durchkreuzt, die ihn bat, das von ihr eingerichtete Predigerseminar zu leiten.

Er selbst hatte keines besucht, und musste nun ein Seminar leiten.

Die Vikare, die man ihm im Zingsthof und in Finkenwalde anvertraute, hatten sich bereits für die Bekennende Kirche und gegen die Reichskirche entschieden.

 

(Bild: Bilder aus seinem Leben, S. 143)

Neben der intensiven theologischen Arbeit wird im Seminar die Politik und Kirchenpolitik beobachtet und diskutiert. Das Herzstück des Seminars aber ist eine geistliche Gemeinschaft, aus der die angehenden Pfarrer Kraft schöpfen sollen, den auf sie zukommenden Belastungen standzuhalten. Später wird Bonhoeffer in dem Buch „Gemeinsames Leben“ diese Erfahrungen zusammenfassen – neben „Widerstand und Ergebung“ das meist verbreitete Buch Bonhoeffers.

 

Das gemeinsame Leben braucht Regeln, zum Beispiel:

‚Keiner ist für den geringsten Dienst zu gut. Die Sorge um den Zeitverlust, den eine so geringe und äußerliche Hilfeleistung mit sich bringt, nimmt meist die eigene Arbeit zu wichtig. Wir müssen bereit werden, uns von Gott unterbrechen zu lassen. Gott wird unsere Wege und Pläne immer wieder, ja täglich durchkreuzen, indem er uns Menschen mit ihren Ansprüchen und Bitten über den Weg schickt. Wir können dann an ihnen vorübergehen, beschäftigt mit den Nichtigkeiten unseres Tages, wie der Priester an dem unter die Räuber gefallenen vorüberging, vielleicht – in der Bibel lesend.‘

 

(Skizze, S. 38f)

(Bild: Bilder aus seinem Leben, S. 40)


 Das erste, was die Schrift über die Freude sagt, lässt sich zusammenfassen in dem Liedanfang: "Jesu, meine Freude". Das ist der Grundton der biblischen Verkündigung von der Geburt Christi, vom Anbruch des Reiches Gottes in der Gemeinschaft Jesu mit seinen Jüngern, von seiner Auferstehung und Himmelfahrt... Wer Christus gefunden hat, der geht mit Freuden seinen Weg, der geht mit Freuden hin und verkauft alles, was er hat und kauft die köstliche Perle. Wer den Weg Jesu nicht mitgeht, der wird traurig wie der reiche Jüngling. Wer sich dem Weg Jesu ganz anvertraut, der wird daran froh. Diese Freude bewährt sich auch im Leiden, das dieser Weg über uns bringen kann. Der Grund aller solcher Freude ist die Nähe Jesu.


 Als Nachsorge sendet Bonhoeffer regelmäßig Rundbriefe an die Absolventen. Weihnachten 1937 schreibt er:

„Die Jahresbilanz ist diesmal ziemlich klar und eindeutig. 27 aus Eurem Kreise haben im Gefängnis gesessen, bei manchen waren es mehrere Monate. Einige sitzen bis zur Stunde und haben den ganzen Advent im Gefängnis zugebracht. Von den übrigen wird nicht ein einziger sein, der nicht von dem immer ungeduldiger werdenden Angriff der antichristlichen Gewalten etwas in seiner Arbeit und seinem persönliche Leben erfahren hätte.“

 

(Skizze, S. 40)

 

Wenige halten dem Druck nicht stand und wechseln in die Reichskirche. Darunter leidet Bonhoeffer besonders.

 

1937 wurde das Seminar von der Polizei geschlossen. Die anschließenden Sammelvikariate in Hinterpommern werden 1940 verboten. Viele Vikare wurden eingezogen und überlebten den Krieg nicht.

Die Gefahr wuchs für Bonhoeffer. Nicht nur wegen seinem Engagement für verfolgte Juden. Bonhoeffer hatte sich bisher geschickt der Musterung entzogen. Als es aber unabwendbar wurde, nahm er die Einladung zur Vorträgen in Amerika an.

Am 7. Juni 1939 verlässt Dietrich Bonhoeffer mit seinem Bruder Karl-Friedrich London auf dem Schiff „Bremen“ in Richtung New York. Vorher hatte er noch Zeit mit seiner Zwillingsschwester und deren Familie verbringen können. Während der Reise kommen ihm Zweifel, ob es richtig war, Deutschland zu verlassen.

 

(Bild: Spuren, S. 43)


Jesus Christus ist das lebendige Wort Gottes. Weil sich dieses Wort auf unser ganzes Leben richtet, kann auch unsere Antwort darauf nur mit unserem ganzen Leben gegeben werden. Das nennen wir Verantwortung.

Es geht um die ganze und um die eine Antwort unseres Lebens.


Bonhoeffer in seinem Tagebuch am 15. Juni 1939, drei Tage nach der Ankunft in Amerika:

 „Seit gestern abend kommen meine Gedanken von Deutschland nicht los. Ich hätte nicht für möglich gehalten, daß man in meinem Alter nach so vielen Jahren im Ausland so qualvolles Heimweh kriegen kann. Fast unerträglich wurde mir ein an sich wunderschöner Autoausflug am Morgen zu einer befreundeten Dame auf dem Land… Man saß eine Stunde und schwatzte, gar nicht mal das Dümmste, aber über Dinge, die mir so völlig gleichgültig waren… und ich dachte, wie nützlich könnte ich diese Stunden in Deutschland verwenden. Am liebsten hätte ich das nächste Schiff genommen…“

 

(Lesebuch, S. 133)

(Bild: Bilder seines Lebens, S. 175)

Eine Beteiligung an Umsturzplänen kann man Bonhoeffer nicht nachweisen. Dafür aber wird er wegen seiner permanenten Weigerung, sich mustern und einberufen zu lassen, unter Anklage gestellt. Einen Prozess indessen gibt es nicht. Es folgen zahllose Verhöre, kleinliche Kränkungen. In den ersten Tagen wird ihm Seife und frisches Wasser verweigert. Mit der stinkenden Decke mag er sich nicht zudecken. Alleinsein war er gewohnt, aber eine zunächst strenge Isolierhaft ist etwas anderes...

 

(Bild: Bilder aus seinem Leben, S. 204)

Eberhard Bethge unterscheidet 5 Stufen des Widerstandes bei Bonhoeffer:

„… erst den einfachen passiven Widerstand, dann den offenen ideologischen, bei dem die Kirchen bzw. Männer wie Graf Galen, Niemöller und Wurm ihre Aufgabe erfüllten – ohne freilich eine neue politische Zukunft zu konzipieren und anzustreben; zum dritten die Stufe der Mitwisserschaft an Umsturzvorbereitungen, in die auch Amtsträger der Kirche hineingerieten wie etwa Asmussen, Dibelius, Gruber und Hanns Lilje, schließlich die vierte Stufe aktiver Vorbereitung für das Danach, die ihren vornehmsten Vertreter in Moltke hat, wozu aber auch Steltzer, Poelchau oder Hammelsbeck rechnen; und endlich die letzte Stufe der aktiven Konspiration, zu der ein Angehöriger evangelisch-lutherischer Tradition den schwersten Zugang hatte, weil diese Tradition so etwas nicht vorsah.“

 

(DPFB, S. 249)

(Bilder: Spuren, S. 58f; Bilder aus seinem Leben, S.223)


Wenn ein Wahnsinniger mit dem Auto durch die Straße rast, kann ich als Pastor, der dabei ist, nicht nur die Überfahrenen trösten oder beerdigen, sondern ich muss dazwischenspringen und ihn stoppen.


Als Bonhoeffer am 5. April 1943 gegen Mittag von Oberstkriegsgerichtsrat Roeder und Gestapokommissar Sonderegger verhaftet wird, finden sie kein belastendes Material. Bonhoeffers Ethik und seine Schrift „Nach 10 Jahren“ sind auf dem Dachboden versteckt.

 

In „Nach 10 Jahren“ fragt Bonhoeffer:

„Sind wir noch brauchbar?

Wir sind stumme Zeugen böser Taten gewesen, wir sind mit vielen Wassern gewaschen, wir haben die Künste der Verstellung und der mehrdeutigen Rede gelernt, wir sind durch Erfahrung mißtrauisch gegen die Menschen geworden, und mußten ihnen die Wahrheit und das freie Wort oft schuldig bleiben, wir sind durch unerträgliche Konflikte mürbe oder vielleicht sogar zynisch geworden – sind wir noch brauchbar? Nicht Genies, nicht Zyniker, nicht Menschenverächter, nicht raffinierte Taktiker, sondern schlichte, einfache, gerade Menschen werden wir brauchen. Wird unsere innere Widerstandskraft gegen das uns Aufgezwungene stark genug und unsere Aufrichtigkeit gegen uns selbst schonungslos genug geblieben sein, daß wir den Weg zur Schlichtheit und Gradlinigkeit wiederfinden?“

 

(Lesebuch, S. 77)

(Bild: Spuren, S. 21)

In Pommern, wo er sich immer wieder aufhält, begegnet Bonhoeffer der 18-jährigen Maria von Wedemeyer. Ihre Verlobung am 13. Januar 1943 bleibt noch geheim, weil die Familie von Wedemeyer Trauer trägt um den im Osten gefallenen Vater Marias. Nach der Verhaftung wird die Verlobung offiziell bekannt gegeben. Marias Mutter bestand zunächst auf einem "Trennungsjahr", weil sie Maria noch für zu jung und Dietrich für zu gefährdet hielt. Überdies findet sie den Altersunterschied als zu groß. Sie willigen zwar ein, sehen sich aber - unter völlig veränderten Voraussetzungen - am 24. Juni 1943 anlässlich einer ersten Sprecherlaubnis im Tegeler Gefängnis wieder.

 

Die beiden Liebenden führen einen bewegenden Briefwechsel, der als “Brautbriefe Zelle 92. Dietrich Bonhoeffer. Maria von Wedemeyer 1943-1945” lange nach Marias Tod (1977) von Ruth-Alice von Bismarck und Ulrich Kabitz 1993 veröffentlicht wird.

 

(Bilder aus seinem Leben, S. 199; Spuren, S. 61)

Allmählich wächst ihm eine innere Kraft zu, aus der heraus er sich der Lektüre verschiedenster Bücher, der Korrespondenz und dem Entwerfen künftiger Arbeiten widmet. Mit Hilfe eines ihm wohlgesonnenen Bewachers kommen die Briefe unzensiert aus dem Gefängnis.

Beides, die depressive Zerfahrenheit und die zurückgewonnene Diziplin spiegeln sich in dem Gedicht vom 8.7.1944 „Wer bin ich?“ – auch in seiner äußeren Gestalt - wider.

 

„Wer bin ich? Sie sagen mir oft,

ich träte aus meine Zelle

gelassen und heiter und fest,

wie ein Gutsherr aus seinem Schloß.

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,

ich spräche mit meinen Bewachern

frei und freundlich und klar,

als hätte ich zu gebieten.

Wer bin ich? Sie sagen mir auch,

ich trüge die Tage des Unglücks

gleichmütig, lächelnd und stolz,

wie einer, der Siegen gewohnt ist.

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?

Oder bin ich nur das , was ich selbst von mir weiß?

Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,

ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,

dürstend nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,

zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,

umgetrieben vom Warten auf große Dinge,

ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,

müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,

matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?

Wer bin ich? Der oder jener?

Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer?

Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler

und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?

Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer, das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.

Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“

 

(WE, S. 381f)

(Bild: Bilder aus seinem Leben, S. 203)

Jürgen Moltmann schreibt:

 

„In der Enge der Gefängniszelle wurden Bonhoeffers Gedanken so weit wie nie zuvor. Sein Blick wendete sich von der Kirche zur Welt. Er entdeckte die Freiheit der säkularen Welt, die Würde des irdischen Lebens, die eigene Botschaft des alten Testaments, die Schönheit der Erde und die Lust am diesseitigen Leben. Glaube ist für Bonhoeffer ‚etwas Ganzes, ein Lebensakt‘. Denn: ‚Jesus ruft nicht zu einer neuen Religion, sondern zum Leben.‘ Bonhoeffer interessierte nun plötzlich die ‚natürliche Frömmigkeit‘ und das ‚unbewusste Christentum‘, jenes nicht besonders kirchliche, aber gelebte Christentum seiner eigenen Familie. … Bonhoeffer kämpfte in seiner Gefängniszelle gegen das Religiöse auf Kosten der Weltlichkeit und gegen eine Spiritualität auf Kosten der Vitalität. Glauben hieß für ihn, das Leben bis zum Tod zu bejahen und damit an der Liebe Gottes zur Welt teilzunehmen, die auch das Leiden Gottes an dieser Welt umfasst…“


(In: Zeitzeichen. Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft, 7. Jg. Januar 2006, S. 42)

 

Zu seinen Nächsten zählen die Mitgefangenen, für die er Weihnachten 1943 Gebete formuliert, z.B.:

 

„Gott zu dir rufe ich in der Frühe des Tages…“ (WE, S. 158ff)

 

(Bild: Bilder aus seinem Leben, S. 205)

Mit dem Zossener Aktenfund Ende September 1944 verschlimmert sich die Lage der Gefangenen rapide. Als Hitler von diesem Material erfährt, ordnet er eine ausgedehnte Ermittlung an. Am 8. Oktober 1944 wird Bonhoeffer in das Kellergefängnis des Reichssicherheitshauptamtes in der Prinz-Albrecht-Straße verlegt. Er findet vorher Gelegenheit, sich von seinen Mitgefangenen zu verabschieden. Ein Mitgefangener berichtet:

 

Es war schon Nacht, das Licht war abgeblendet und der Unteroffizier Linke öffnete die Tür unserer Zelle. Dietrich wollte nicht das Gefängnis verlassen, ohne seine Freunde begrüßt zu haben. Er sagte uns ‚Lebt wohl‘ und ging seinem Schicksal entgegen. Die billige Gnade, die Gnade ohne Kreuz war ihm fremd.“ (Gaetano Latmiral)

 

(Bilder seines Lebens, S. 216; Bild: S.224)

Die Briefe werden spärlicher. Selten wird ihm erlaubt zu schreiben.

 Der letzte Brief an Maria ist vom 17.12.1944 und enthält das Gedicht “Von guten Mächten”. (Vgl. Meditation von Ulrich Laepple)

 

Am 28.12.1944 bekommt er die Erlaubnis, seiner Mutter zum Geburtstag zu schreiben:

 

“Ich muß es etwas in Eile tun, da der Brief gleich fort soll. Eigentlich habe ich nur einen einzigen Wunsch, nämlich Dir in diesen für Euch so trüben Tagen irgendeine Freude machen zu können… Daß Maria bei Euch ist, ist mir ein ganz großer Trost. Ich danke Dir für alle Liebe, die im vergangenen Jahr von Dir zu mir in meine Zelle gekommen ist und mir jeden Tag hat leichter werden lassen. Ich glaube, daß diese schweren Jahre uns noch enger miteinander verbunden haben als es je war. Ich wünsche Dir und Papa und Maria und uns allen, daß das neue Jahr uns doch wenigstens hier und da einen Lichtblick bringt und daß wir uns doch noch einmal zusammen freuen können. Gott erhalte Euch gesund!

 

Es grüßt Dich, liebe, liebe Mama, und denkt an Dich an Deinem Geburtstag von ganzem Herzen Euer dankbarer Dietrich”

 

(WE, S. 435)

 

Der letzte Brief an die Eltern stammt vom 17.1.1945.

 

Vollständiger Text des Liedes im Evangelischen Gesangbuch Lied 65.

 

(Bild: Internet: bonhoeffer-berlin.de)

Auf dem Dorotheenstädter Friedhof wird mit einem Gedenkstein u.a. an Klaus Bonhoeffer, Hans von Dohnanyi, Rüdiger Schleicher und Dietrich Bonhoeffer erinnert.

 

Hans von Dohnanyi wurde am 9. April 1945 im KZ Sachsenhausen, Klaus Bonhoeffer und Rüdiger Schleicher am 23. April 1945 in Berlin ermordet.

 

(Bild: Spuren, S. 86f)

Im Gedenkgottesdienst für Dietrich und Klaus Bonhoeffer sagt Bischof George Bell:

 

„His death is a death for Germany – indeed for Europe too…“

 

In Übersetzung: „Sein Tod ist ein Tod für Deutschland – ja auch für Europa…. Sein Tod wie sein Leben bilden ein Faktum von eindringlichstem Wert im Zeugnis der Bekennenden Kirche. In der edlen Gemeinschaft der Märtyrer verschiedner Tradition verkörpert er beides: den Widerstand der gläubigen Seele im Namen Gottes gegen den Angriff des Bösen; und ebenso die moralische und politische Erhebung des menschlichen Gewissens gegen Ungerechtigkeit und Grausamkeit. Er und seine Freunde stehen auf dem Grund der Apostel und Propheten. Und es war die Leidenschaft für die Gerechtigkeit, die ihn und so viele andere …. in so enge Gemeinschaft mit anderen Männern des Widerstandes brachte, die, obgleich sie außerhalb der Kirche standen, dieselben menschlichen und freiheitlichen Überzeugungen teilten…

 

Für ihn und für Klaus … gibt es die Auferstehung von den Toten; für Deutschland Erlösung und Auferstehung, wenn es Gott gefällt, die Nation durch Männer seines Geistes zu führen, heilig, demütig und tapfer wie er; für die Kirche, nicht nur in dem Deutschland, das er so liebte, sondern auch für die Gesamtkirche, die für ihn größer war als Nationen, gibt es die Hoffnung auf neues Leben.“

 

(Biographie, S. 1041)

(Bild: Bilder aus seinem Leben, S. 125)